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zum Video Experte be- und entlastet Psychiatrie in Frankfurt-Höchst

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Schmutz, Überbelegung, Unmenschlichkeit: Ein Experte prüft Vorwürfe gegen die Akut-Station der Psychiatrie Frankfurt-Höchst. Sein Zwischenbericht lässt manche wichtige Frage offen.

Auf der geschlossenen Akut-Station der Psychiatrie im Klinikum Frankfurt-Höchst liegt auch nach Meinung des Experten Hans-Joachim Kirschenbauer vieles im Argen – aber weniger, als eine TV-Reportage mit verdeckt gedrehten Aufnahmen nahegelegt hat. Das geht aus dem 170-seitigen Zwischenbericht hervor, den der Frankfurter Psychiater am Mittwoch in Wiesbaden Sozialminister Kai Klose (Grüne) überreicht hat.

Der Minister hatte den Expertenbericht Ende März in Auftrag gegeben, nachdem die Ausstrahlung des Undercover-Reports in der RTL-Sendung "Team Wallraff" für öffentliche Empörung gesorgt hatte. Kirschenbauer bestätigt zentrale Kritikpunkte der Reportage: Dringliche Probleme seien die Überbelegung der Station, das veraltete und zu enge Raumangebot, fehlende Therapien - aber auch der zutage getretene Umgang mit Patienten bei Chefarztvisiten.

Fixierung "im grünen Bereich"

Einen wesentlichen Vorwurf teilt Kirschenbauer aber nicht, der seine Bewertung nach einem Ampelsystem geordnet hatte: rot - gravierend, gelb - weniger gravierend, grün - kein Problem. Die gefilmte Fixierung eines jungen Mannes liegt nach seiner Auffassung "sehr deutlich in einem grünen Bereich".

Mehr wollte er aus Gründen des Datenschutzes zu dem Einzelfall nicht sagen. Auch zur Frage, ob Patienten in Höchst generell zu häufig, zu lange und unsachgemäß betreut gefesselt würden, äußerte sich Kirschenbauer nicht. Er habe die beim Ministerium vorliegenden Protokolle nicht eingesehen.

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Dem Sozialministerium liegen nach Angaben Kloses bislang keine Hinweise auf unrechtmäßige Fixierungen vor. Im auf Grundlage von Protokollen untersuchten Zeitraum im Frühjahr 2018 waren demnach alle Patienfixierungen "ärztlich indiziert". Richterliche Beschlüsse habe es nicht gegeben, weil sie damals noch nicht vorgeschrieben waren.

Chefvisite im Vorbeigehen

Kritikpunkte aus dem Zwischenbericht im Einzelnen:

  • Als "fatal" bezeichnet der Experte das Zusammenwirken von Überbelegung, veralteter räumlicher Ausstattung und Enge.
  • So fehle es an Personal, aber auch an Platz für angemessene Arbeit mit den Patienten zum Beispiel bei Ergo- oder Kunsttherapien.
  • Es gehe auch nicht an, dass die Chefarztvisite für einen Patienten nur aus einem kurzen Kontakt bestehe. In der Reportage war zu sehen, wie ein Arzt einen Patienten auf dem Flur in wenigen Sekunden vor anderen Menschen abfertigt.
  • Zu den strukturellen Mängeln auf der Station zählten neben dem veralteten Bau auch das Fehlen ausgearbeiteter Konzepte.
  • Hinzu komme mangelnde Digitalisierung der Prozesse, etwa für das Managen von Aufnahmen und Entlassungen.
  • Die Einbindung von Angehörigen und Selbsthilfegruppen lasse zu wünschen übrig.

Nichts auszusetzen

Weit weniger gravierend ist laut Kirschenbauer das Ausmaß der Unfreundlichkeit des Personals gegenüber Patienten. Das Miteinander des Personals und die gegenseitige Wertschätzung müssten allerdings verbessert werden. Doch nicht nur bei der Patienten-Fixierung, auch hinsichtlich von Sauberkeit, Zustand der Einrichtung oder dem Erscheinungsbild der Patienten hatte der Psychiater nichts auszusetzen.

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Den Willen aller Beteiligten zur "rückhaltlosen und transparenten" Aufklärung lobte Kirschenbauer als einmalig. Seinen Zwischenbericht nahm Klinik-Geschäftsführerin Dorothea Dreizehnter als Beleg dafür, dass die "unfassbare Welle der Empörung" ihr Haus ungerechtfertigt traf. "Das ausschließlich negative Bild war und ist schlichtweg falsch", sagte sie.

Bei der Suche nach Verbesserungen gebe es jedoch keine Tabus. Vieles sei schon vorangebracht. So würden fixierte Patienten nur noch von geschultem Personal als Sitzwachen betreut, die mindestens eine Pflegehelferausbildung absolviert hätten.

Grundlage für allgemeine Verbesserungen

Die in Höchst aufgetretenen Probleme sind nach Meinung des Frankfurter Gesundheitsdezernenten Stefan Majer (Grüne) symptomatisch für den generellen Zustand der psychiatrischen Versorgung. Vieles werde davon abhängen, welche Personalausstattung den Kliniken zukünftig zugestanden werde. Die derzeit neu zu verhandelnden Berechnungen für den Personalbedarf seien mehr als 20 Jahre alt.

Genauso sieht es Sozialminister Klose: Er will den gesamten Bericht zur Grundlage für Verbesserungen in der gesamten psychiatrischen Versorgung machen. Dass Kliniken wie die in Höchst vieles nicht selbst in der Hand haben, unterstrich Experte Kirschenbauer. Wegen ihres regionalen Versorgungsauftrags und wegen des Patientenwohls dürfe die Klinik dringende Fälle auch bei Überbelegung nicht einfach ablehnen.

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Überlastung und Gefährdung

Mit einem Aktionstag hat die Gewerkschaft Verdi am Dienstag auf die prekäre Personalsituation in Psychiatrien aufmerksam gemacht. Laut einer Verdi-Umfrage glaubt mehr als drei Viertel der Beschäftigten nicht, bei der derzeitigen Personalsituation bis zur Rente in der Psychiatrie zu arbeiten. Wegen Personalengpässen kommt es demnach regelmäßig zu Übergriffen auf Beschäftigte und zur Zwangsfixierung von Patienten. Das Klinikum Höchst nimmt seit Mitte August an einer Pilotstudie zu Zwang und Gewalt teil. Frankfurts Gesundheitsdezernent Majer gibt zu bedenken, dass es dabei neben den Freiheitsrechten der Fixierten auch um die Sicherheit von Mitarbeitern, Mitpatienten und sich selbst gefährdender Patienten gehe.

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Sendung: hr-fernsehen, lestemag, 11.09.2019, 19.30 Uhr