Fixierte Hand

Gefesselte Patienten und überforderte Mitarbeiter: Nach heftiger Kritik an der Überwachung fixierter Patienten in der Psychiatrie hat das Klinikum Frankfurt Höchst offenbar seine Strukturen geändert. Es soll mehr Fachpersonal zum Einsatz kommen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ungelernte Mitarbeiter halten Sitzwachen ab.

Klinikum Frankfurt Höchst
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Eine verdeckt aufgenommene TV-Reportage des Fernsehsenders RTL hatte im März verschiedene Missstände in der Psychiatrie des Klinikums Frankfurt Höchst aufgedeckt. Den Hessischen Rundfunk (hr) erreichten aufgrund seiner Berichterstattung über die Vorgänge zahlreiche Hinweise von ehemaligen Patienten, Angehörigen und auch Mitarbeitern des Klinikums.

Alarmiert durch die Medienberichte und interne Kritik hat das Klinikum nun offenbar reagiert und den Einsatz der so genannten Sitzwachen in der Akutpsychiatrie neu aufgestellt. Sitzwachen sind die Menschen, die an ein Bett fixierte Patienten überwachen sollen und dazu mit ihnen in einem Raum sitzen.

Kinik versucht verstärkt, Fachpersonal einzusetzen

Diese Sitzwachen wurden von Patienten, Mitarbeitern und Angehörigen häufig als überfordert, teilnahmslos und desinteressiert beschrieben. Auch würden viele dieser Leiharbeiter kaum oder nicht ausreichend Deutsch sprechen oder verstehen. Im Fokus der Kritik standen im Frühjahr ungelernte Mitarbeiter des Personaldienstleisters All Service. Eine Pflegerin berichtet, sie sei zu Fixierungen hinzugerufen worden, bei denen sie im ersten Moment nicht eindeutig habe erkennen können, wer Patient und wer Sitzwache ist. Beide hätten sich in einem ähnlich starken psychischen Ausnahmezustand befunden.

Nach hr-Informationen aus dem Umfeld der Psychiatrie kommen nun externe Leiharbeitskräfte in der Betreuung fixierter Patienten nur noch bei Personalmangel zum Einsatz. Das Klinikum versucht offenbar weitestgehend, eigene Pflegekräfte einzusetzen und das über die Dienstpläne zu regeln. Bei Bedarf wird nach Informationen aus Mitarbeiterkreisen Personal aus anderen Abteilungen angefordert.

Sozialminister will über Missstände aufklären

Das Klinikum Frankfurt-Höchst hat hr-Fragen zu seinen Sitzwachen bislang nicht beantwortet. Es verweist auf eine Pressekonferenz am Mittwoch von Sozialminister Kai Klose (Grüne). Auf dieser will Klose der Öffentlichkeit den Stand der Aufklärung der im Frühjahr bekannt gewordenen Missstände im Klinikum Höchst vorstellen. Indirekt bestätigt werden die Veränderung in der Psychiatrie durch die vom Sozialministerium gerade veröffentlichten Antworten auf eine Anfrage der SPD im Landtag.

Darin erklärt die Klinik, dass sie seit etwa vier Wochen pro Schicht zusätzlich eine pflegerische Kraft vorhält, die im Bedarfsfall ausschließlich für die Eins-zu-Eins-Betreuung zur Verfügung steht. Die Antwort stammt vom Mai 2019. Mit durchschnittlich 17 Fixierungen im Monat ist die Höchster Psychiatrie die Klinik in Hessen, die mit Abstand am meisten fixiert.

Firma schult Mitarbeiter inhaltlich und sprachlich

All Service Sitzwachen müssen formal keine Pflegeausbildung haben. Die Firma legt aber nach eigenen Angaben Wert darauf, dass ihre Sitzwachen - auf freiwilliger Basis - geschult werden. Diese Schulung bestehe aus einer achtstündigen Fortbildung zur Sitzwachentätigkeit sowie zusätzlich einem dreistündigen Seminar zum Thema Deeskalation. Die Firma All Service sieht in den Sprachkenntnissen ihrer Mitarbeiter kein Problem.

Auf hr-Anfrage erklärt die Firma, es gebe dafür "weiterhin keine gesetzlichen Vorgaben". Aber man stelle nur Sitzwachen ein, die mindestens über Deutschkenntnisse des Niveaus B1 verfügen. Menschen dieses Sprachniveaus können sich über "einfache und ihnen vertraute Dinge des Alltags austauschen". Mitarbeiter der Klinik äußerten gegenüber dem hr starke Zweifel, dass dieses Sprachniveau ausreiche. Denn schließlich müssten die Mitarbeiter einschätzen, ob sich ein Patient soweit stabilisiert hat, dass man ihm die Fesseln lösen kann.

Weitere Informationen

Bundesverfassungsgericht zum Fesseln von Patienten

Fesseln von Patienten ist laut einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2018 ein "schwerwiegender Grundrechtseingriff", der nicht länger als unbedingt nötig aufrechterhalten werden darf. Das Bundesverfassungsgericht stellte außerdem fest, dass diese Maßnahmen "grundsätzlich von einer Eins-zu-Eins-Betreuung durch therapeutisches oder pflegerisches Personal" begleitet sein müssen.

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Sendung: hr-iNFO, 10.09.2019, 12.20 Uhr