Darf eine Stadt wie Marburg, die den Klimanotstand ausgerufen hat, eine zentrale Straße ohne Radweg sanieren? Mehrere Bürger finden: nein, und blockierten aus Protest die Weidenhäuser Brücke. Laut OB Spies hatte die Stadt keine Wahl.

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Frisch saniert, aber ohne Radwege: Die Weidenhäuser Brücke in Marburg.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Kein Radweg auf Weidenhäuser Brücke

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Als eine der ersten Städte in Hessen hat Marburg den Klimanotstand ausgerufen. Das war im Juni. Als Grund für den Beschluss gab die Stadt damals an, die Klimakrise als Bedrohung anzuerkennen. Man müsse handeln und bis 2030 klimaneutral werden.

Klage über rückwärtsgewandte Verkehrspolitik

Diesen Beschluss nehmen einige Marburger jetzt zum Anlass, um über die Verkehrspolitik der Stadt zu debattieren. Am Sonntag blockierten sie die Weidenhäuser Brücke, die nach monatelanger Sanierung für den Verkehr freigegeben werden sollte. Der Grund: Die Brücke hat nach der Sanierung zwar einen abgetrennten Bereich für Fußgänger, aber keinen für Radfahrer. Am Montag folgte ein offener Brief an die Stadt, der lestemag.de vorliegt.

Darin heißt es: "Die Verkehrsführung der wiederhergestellten Weidenhäuser Brücke ist der sichtbare unrühmliche Gipfel einer rückwärtsgewandten und schädlichen Verkehrspolitik für die Marburger Innenstadt. Wenn es gelingen soll, die Schadstoff- und CO2-Belastung auch in Marburg nachhaltig zu senken und damit zu einer Verringerung der Erderwärmung beizutragen, müssen Alternativen zu verbrennungsmotorgetriebenem Individualverkehr attraktiv gemacht werden."

"Machen uns zum Gespött mit der Brücke"

Einer der Autoren des offenen Briefs ist Johannes Becker, Sprecher der Bürgerinitiative Verkehrswende. Er kritisiert vor allem, dass der Autoverkehr auf der Brücke dreispurig fließt und dass die Stadtverwaltung nicht stattdessen auf zwei Autospuren und zusätzliche Radwege setzt. "Das muss verändert werden. Wir machen uns doch zum Gespött mit einer solchen Brücke", so Becker. Dagegen wehrt sich die Stadt.

An diesem zentralen Verkehrsknotenpunkt brauche man für den Autoverkehr zwei Spuren stadteinwärts, sagt Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD): "Sonst haben wir innerhalb von zehn Minuten einen Rückstau bis zur B3a - das geht nicht." Für zusätzliche Radwege sei die historische Brücke nicht breit genug.

Spieß rät zu rücksichtsvollem Miteinander

Spies verweist außerdem darauf, dass Radfahrer die Brücke uneingeschränkt nutzen können. Sie seien gleichberechtigt - auch ohne Radweg. In Marburg gebe es so viel historische Substanz, dass man nicht für jeden alles passgenau umändern könne.

"In dieser Stadt müssen Menschen im Straßenverkehr rücksichtsvoll miteinander umgehen", rät Spies. Das sei die einzige Art und Weise, den Straßenverkehr zu gestalten. Außerdem gebe es noch andere Brücken, die über die Lahn führten - mit Radweg.

"Können Marburg nicht dicht machen"

Zur Forderung nach einer autofreien Innenstadt sagt Spies, man könne die Stadt nicht dicht machen: "Zwei Drittel der Menschen, die in Marburg arbeiten, wohnen hier nicht." Deswegen gehe es jetzt darum, attraktive Angebote vorzulegen, damit mehr Menschen auf dem Weg in die Stadt auf ihr Auto verzichteten und stattdessen Fahrgemeinschaften, den öffentlichen Nahverkehr oder das Fahrrad nutzten. Nur so könne man den Autoverkehr in der Kernstadt reduzieren.

Wegen der Radfahrer-Proteste wurde die geplante Wiedereröffnung der Weidenhäuser Brücke für den Autoverkehr am Sonntagabend verschoben. Nach Angaben der Stadt ist die Brücke erst seit Montagfrüh für den Autoverkehr wieder frei. Feierlich eröffnet wurde die Brücke am Samstag mit einem Bürgerfest - an dem Tag gehörte die Brücke allein den Fußgängern.

Sendung: hr3, 12.08.2019, 16 Uhr