Seit Jahren steigt die Zahl der Privatschüler in Hessen. Zwei Familien erklären, warum für sie eine staatliche Schule keine Option ist. Doch das, was viele Eltern sich erhoffen, sehen Wissenschaftler eher skeptisch.

Audiobeitrag
Grundschüler am PC

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Immer mehr Eltern schicken ihre Kinder an Privatschulen

Ende des Audiobeitrags

Aurelia* hat mit ihren zehn Jahren schon eine beachtliche Anzahl privater Einrichtungen kennengelernt: Krippe, Kita, Grundschule und seit vergangenem Sommer die weiterführende Schule - alle waren privat. Ihre Mutter Natalia ist vom Konzept "Privatschule" überzeugt und würde für ihre Tochter immer wieder so entscheiden: "Das staatliche Schulsystem ist schlichtweg eine Katastrophe", sagt sie.

Natalia und ihre Tochter wohnen in einer Kleinstadt im Rhein-Main Gebiet, die Mutter ist seit einigen Jahren alleinerziehend. Die Ausbildung ihrer Tochter steht für sie mit an erster Stelle - auch wenn sie selbst dafür Abstriche machen muss: "Ich stelle ihre Bedürfnisse über meine. Ich muss viel arbeiten, um uns dieses Leben zu finanzieren."

Drei Hauptgründe der Privatschulwahl

In Hessen gab es im vergangenen Schuljahr insgesamt 47.197 Privatschülerinnen und -schüler - so viele wie noch nie zuvor. Das macht rund 7 Prozent der Schülerschaft aus. Besonders hoch ist der Anteil an Gymnasien. Hier liegt der Anteil der Privatschüler bei circa 12 Prozent. Zu Privatschulen zählen unter anderem auch Waldorfschulen oder Schulen in christlicher Trägerschaft. In den vergangenen zehn Jahren ist die Schülerzahl an Privatschulen um 15 Prozent gestiegen, während die Schülerzahl an staatlichen Schulen um 8,2 Prozent gesunken ist.

Grafik zu Boom an Privatschulen
Bild © lestemag.de

Diemut Kucharz, Professorin für Grundschulpädagogik an der Goethe-Universität Frankfurt, nennt drei Hauptgründe, weshalb Eltern zunehmend eine Privatschule für ihre Kinder wählen: Erstens gebe es seit Pisa eine allgemeine Unzufriedenheit am deutschen Schulsystem, zweitens würden einige Eltern ihre Kinder vor zu starkem Leistungsdruck schützen wollen und entschieden sich daher für eine reformpädagogische Schule.

"Oder drittens, was mir besonders Sorgen macht, dass einige Eltern ihre Kinder nicht mit zugewanderten Kindern oder mit Kindern aus sozial-ökonomisch schwierigeren Verhältnissen in eine Klasse schicken möchten", erklärt die Pädagogin.

"Ich verbiete meiner Tochter Gossen-Slang"

Natalia schätzt an der Privatschule ihrer Tochter den hohen Betreuungsschlüssel, die vielfältigen AGs und die besondere Schulausstattung. Außerdem sei ihr ein christliches Schulprofil sehr wichtig. Und das, obwohl Natalia sich selbst als Atheistin beschreibt. "Ich glaube, dass christlich determinierte Werte der Erziehung gut tun."

Ob sie sich auch für eine christliche Privatschule entschieden habe, weil dadurch wahrscheinlich weniger muslimische Kinder mit in der Klasse ihrer Tochter sind? "Mit Sicherheit, ja. Das gebe ich zu", antwortet sie und ergänzt: "Das geht aber nicht nur mir so. Das habe ich von fast allen anderen Müttern gehört, mit denen ich mich darüber unterhalten habe."

Natalia ist selbst nicht in Deutschland geboren. Bis sie in die erste Klasse kam, sprach sie kein Wort Deutsch. Davon ist heute nichts mehr zu merken. Im Gegenteil: Sie drückt sich sehr gewählt und gestochen präzise aus. Und genau das erwartet sie auch von ihrer Tochter. "Ich verbiete meiner Tochter Gossen-Slang wie beispielsweise 'Alter'. Ich möchte nicht, dass Aurelia aufgrund ihres Schulumfeldes kein adäquates Deutsch mehr spricht."

Hoffnung in die Privatschule

Knapp 20 Kilometer von Aurelia und ihrer Mutter entfernt wohnt Familie Schell mit ihren Kindern Emma und Theo in einer gepflegten Neubausiedung. Emma ist zwar erst vier, aber ihre Eltern haben bereits vor gut einem halben Jahr angefangen, sich um die Schulausbildung ihrer Tochter Gedanken zu machen. Mutter Denise ist während ihrer Schulzeit selbst von einer staatlichen auf eine private Schule gewechselt, was ihr sehr gut getan habe. "Es wurde sich um jedes Kind individuell gekümmert", sagt sie.

Dass Emma nach der Grundschule auf eine Privatschule gehen soll, steht für die Eltern so gut wie fest. Die Eltern erhoffen sich dadurch die bestmögliche Ausbildung für ihre Tochter, motivierte Lehrer und eine Schule mit einer guten digitalen Ausstattung. "Wir sind beide Akademiker und haben Ambitionen. Wir möchten natürlich schon, dass unsere Tochter auch Akademiker wird. Ich würde nie wollen, dass meine Tochter nur aufgrund der sozialen Kontakte oder um möglichst viel kennenzulernen, eine öffentliche Schule besucht", sagt Vater Volker.

Zitat
„Privatschulen sind von ihrer Ausstattung, von dem was sie anbieten können, nicht zwangsläufig besser. Ich glaube, es ist eher der Wunsch der Eltern, dass es da besser wäre.“ Zitat von Diemut Kucharz, Geschäftsführende Direktorin des Instituts Pädagogik der Elementar- und Primarstufe an der Goethe-Universität Frankfurt
Zitat Ende

Pädagogin Kucharz widerspricht der Annahme, dass Privatschulabsolventen zwangsläufig besser ausgebildet seien: "Privatschulen sind von ihrer Ausstattung, von dem was sie anbieten können, nicht zwangsläufig besser." Sie hätten weder kleinere Klassen  noch seien die Lehrkräfte besser ausgebildet oder hätten mehr Zeit, um sich um einzelne Schüler zu kümmern. "Ich glaube, es ist eher der Wunsch der Eltern, dass es da besser wäre." Fest steht aber, dass Privatschüler häufig aus privilegierteren Familienverhältnissen stammen als Kinder von staatlichen Schulen.

Ungleiche Verteilung der Bildungschancen

Kai Maaz, Direktor am Frankfurter Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation, erklärt dazu: "Eines der Kernprobleme, mit dem wir seit Jahrzehnten zu tun haben, ist, dass die Bildungschancen zwischen Kindern aus sozial-privilegierteren und sozial-schwächeren Familien ungleich verteilt sind." Das zeige sich etwa bei der Verteilung der Schülerinnen und Schüler auf die verschiedenen Bildungsangebote als auch bei ungleichen Schulergebnissen.

Für die Privatschülerin Aurelia geht, wie für alle staatlichen Schülerinnen und Schüler in Hessen, am Montag das neue Schuljahr los. Es wird ihr zweites Jahr an der weiterführenden Privatschule sein. Gedanken, dass ihre Tochter möglicherweise nur einen Teil der Gesellschaft - und zwar den privilegierteren Teil - kennenlernt, macht Natalia sich nicht: "Sie wird andere Lebensbereiche mitbekommen, aber nicht jetzt. Es gibt Kämpfe, die muss ein kleines Mädchen noch nicht ausfechten."

* Die Namen der beteiligten Eltern und Kinder wurden auf Wunsch geändert, ihre echten Namen sind der Redaktion bekannt.