NSU-Prozess Staatstheater Kassel

Fünf Jahre lang hat der NSU-Prozess die deutsche Öffentlichkeit bewegt. Reporter der Süddeutschen Zeitung haben ihn protokolliert. Daraus hat das Staatstheater Kassel jetzt ein beklemmendes Bühnenstück gemacht.

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hs
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Eine halbdunkle Bühne, eine Wand, davor ein Schauspieler im weißen Overall. Der Mann spielt einen Ermittler der Kasseler Polizei, der in einem fiktiven Gerichtssaal einen Mord schildert. Er redet ganz sachlich, ohne Emotion, kalt. Es ist ein beklemmender Monolog auf der Bühne des Theaters im Fridericianum (tif), der sich so ähnlich während des NSU-Prozesses vor dem Münchner Landgericht abgespielt hat.

Die Szenerie wird noch beklemmender, als der Vater des Ermordeten aussagt, der Vater des Kasseler Internet-Café-Betreibers Halit Yozgat. "Ich werde den Tod meines Sohnes niemandem vergeben", sagt er. "Die Täter werden für diese Tat immer schuldig bleiben."

Zermürbende Vorbereitung

Schuld und Vergebung: Beides ist Thema des Stücks "Der NSU-Prozess. Die Protokolle", das am 12. September in Kassel Premiere hat. Das Stück arbeitet den Mord an Halit Yozgat und den NSU-Prozess auf. Das Team des Theaters hat aus 2.000 Seiten Prozess-Protokoll eine Fassung für die Bühne erstellt. Die Dialoge basieren Originalzitaten aus dem Prozesses.

Die Arbeit am Stück sei fast so zermürbend wie der fünf Jahre dauernde Prozess gewesen, erzählt Dramaturgin Petra Schiller: "Ich konnte das abends vor dem Schlafengehen nicht lesen", sagt sie, "weil man diese Unverhältnismäßigkeit gesehen hat. Dass der Quellenschutz, der Verfassungsschutz höher gestellt war als die Aufklärungsarbeit und die Aufklärungspflicht." Das habe sie schwer ausgehalten, sagt Schiller weiter: "Das ist wie die Ohrfeige, die die Opferangehörigen ertragen mussten. Da fühlt man schon sehr mit."

Ein Gefühl, das auf den Zuschauer übergehen soll: Wenn zum Beispiel der Zeuge Andreas Temme, Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes, immer wieder sagt: "Ich erinnere mich nicht", dann steigt die Beklemmung. Temme war zur Tatzeit in Yozgats Café.

Gericht als Tollhaus

Im Verlauf des Stücks wird der Gerichtssaal zum Tollhaus, die Beklemmung wird Satire. Schuld sind die Verteidiger der Angeklagten namens Sturm, Stahl und Heer, die sich gegenseitig über den Mund fahren und einen absurden Antrag nach dem anderen stellen. Dazu läuft die Musik der Zeichentrickserie "Der Rosarote Panther". Anwalt Heer sitzt denn auch auf der Puppe eines rosaroten Panthers - die Figur spielt auf ein Bekennervideo des NSU an.

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Internetcafe Yozgat Kassel
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Die Kasseler Inszenierung ist eine Realsatire, die klar Stellung für die Opfer der NSU-Morde bezieht. Und gegen Mitarbeiter des Verfassungsschutzes, die nichts zur Aufklärung beitrugen.

"Ich finde es ganz wichtig, dass Theater politisch ist", betont Hauptdarstellerin Meret Engelhardt. Gerade in einer Stadt, in der ein Mord passiert sei, müsse es politisch sein. "Die Leute wollen das auch sehen, sie wollen sich damit auseinandersetzen. Wir haben schon vor der Premiere unzählige Anmeldungen gehabt. Das macht Mut." In der Tat, das Stück kommt an: Einige Vorstellungen sind schon ausverkauft.

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Wann? Wo?

"Der NSU-Prozess. Die Protokolle"
Uraufführung am 12. September 2019, 19.30 Uhr
tif - Theater im Fridericianum, Karl-Bernhardi-Straße, 34117 Kassel
Weitere nicht ausverkaufte Aufführungen: 27.9., 4.10.3.11. und 10.11.

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Der NSU-Prozess

Zehn Menschen hat die rechtsextreme Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) ermordet, einen davon in Kassel. 2006 wurde der Internet-Cafe-Betreiber Halit Yozgat erschossen. Ab 2013 wurden fünf Männer und eine Frau angeklagt, an den Taten des NSU beteiligt gewesen zu sein. Der Prozess dauerte fünf Jahre, über 600 Zeugen und Sachverständige sagten aus. Am 11. Juli 2018 verhängte das Gericht Urteile von lebenslanger Freiheitsstrafe für die Hauptangeklagte Beate Zschäpe und Freiheitsstrafen zwischen zehn und zweieinhalb Jahren für die restlichen Angeklagten. Alle legten Revision ein.

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Sendung: hr-fernsehen, lestemag, 12.09.2019, 19.30 Uhr