Internationale Schlagzeilen zur die Wahl in Altenstadt-Waldsiedlung

Nicht nur das Inland staunt, auch das Ausland wundert sich: Mit der Wahl des NPD-Vize-Landeschefs Jagsch zum Ortsvorsteher hat es Altenstadt-Waldsiedlung in der Wetterau weltweit in die Negativ-Schlagzeilen geschafft. Das trifft auch Unbeteiligte.

Ob reumütig oder von oben zur Ordnung gerufen: Inzwischen sind CDU, SPD und FDP im Ortsbeirat Altenstadt-Waldsiedlung (Wetterau) dabei, die Abwahl des stellvertretenden NPD-Landeschefs Stefan Jagsch als Ortsvorsteher vorzubereiten. Dieser bundesweit wohl einmalige Akt wird weltweit vermutlich weniger Resonanz finden als der vorausgegangene ebenso einmalige: Ein Neonazi kommt einstimmig an die Spitze eines Dorfparlaments.

The New York Times, Le Figaro (Paris), The Jerusalem Post, La Repubblica (Rom) und, und, und: Um über eine Imagekampagne so groß aufgemacht in Blättern und Online-Portalen von internationalem Rang vorkommen zu dürfen, hätte der 2.600-Einwohner-Ort viel zahlen müssen – oder auch die NPD.

Anti-Werbung kostet nichts

Die Anti-Werbung gibt es gratis. Ein wenig am Rande bekommt auch die völlig unbeteiligte Licher Brauerei ab. Ihr Firmen-Logo ist gut lesbar im Hintergrund des Agenturfotos zu sehen, das am Dienstag immer noch wachsende Verbreitung gerade in Online-Portalen fand. Motiv: Kommunalpolitiker Jagsch beim Handytelefonat vor dem Gemeinschaftshaus Waldsiedlung.

New-York-Times-Artikel über die Wahl in Waldsiedlung

"So wollen wir nicht bekannt werden und im Fokus stehen", sagt hörbar betroffen Altenstadts Bürgermeister Norbert Syguda (SPD) zur Resonanz. Seine Hoffnung: Nach der ins Auge gefassten Abwahl des rechtsextremen Ortsvorstehers werde sich wohl alles wieder beruhigen.

Die ausländischen Beiträge, die Sygudas Schmerz durch das heftige deutsche Medienecho nur vergrößern, basieren meist auf Agenturmaterial. Hauptstadtblätter lassen ihre Berlin-Korrespondenten aus dem Stoff herausarbeiten, was auch hierzulande für Kopfschütteln und Empörung sorgte: dass ein Politiker gewählt wurde, der "Einwanderung mit Völkermord vergleicht" und dessen Partei laut Bundesverfassungsgericht Ziele verfolgt, die "im Gegensatz zu der im Grundgesetz verkörperten demokratischen Grundordnung stehen". So schreibt es The Telegraph (London)

Zum Bürgermeister befördert

Weil es für den deutschen Ortsvorsteher andernorts nicht immer ein Pendant gibt, wird Jagsch häufig zum Bürgermeister befördert – durch das englische Wort "mayor" zum Beispiel. Und an hervorgehobener Stelle findet immer wieder seinen spöttischen Niederschlag, was für die Wahl des Neonazis laut einem Ortsbeiratsmitglied vor allem sprach: dass jener als einziger in dem Gremium E-Mails verschicken könne.

Die New York Times kann es kaum fassen und wiederholt sich mit der Botschaft: "He was proficient at using email." Und die italienische La Repubblica nimmt das online als Zitat gleich in die Überschrift: "Sa utilizzare le email": Er weiß, wie man mailt.

Repubblica-Bericht über die Wahl in Waldsiedlung

Auch die bundesweite Bedeutung des Falls und der Aufschrei in der deutschen Politik- und Medienlandschaft finden ihren Widerhall. Das populäre, auf Niederländisch erscheinende Nieuwsblatt aus Belgien will sogar beobachtet haben: "Duitse politiek staat op z’n kop na benoeming NPD-burgemeester."

Lokalpolitik und Weltpolitik

Nebenbei werden anhand des Exempels "Waldsiedlung" gleich internationale politische Rechnungen beglichen. Die hergestellten Zusammenhänge muten, sagen wir, zumindest überraschend an. So wählt iDNES.cz, das wohl bekannteste Nachrichtenportal Tschechiens, die Überschrift: "Migration ist Genozid, sagt ein Mann, der auch dank Merkels CDU Bürgermeister geworden ist."

Hintergrund: Das Portal gehört wie die auflagenstärkste Tageszeitung "Mlada Fronta Dnes" zu einem Unternehmen in der Hand des Ministerpräsidenten und Medienmoguls Andrej Babis. Es vertritt - wie Babis - die im Land populären flüchtlingsfeindlichen Positionen mit entsprechender Abneigung gegenüber Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Tschechien weigert sich, Flüchtlinge aufzunehmen, die nach EU-Schlüssel verteilt werden sollten.

Verdacht: Israelfeindlichkeit

Die der rechts-konservativen Netanjahu-Regierung nahestehende Jerusalem Post mit ihrer englischsprachigen Online-Ausgabe kommt von der Jagsch-Wahl sogar unmittelbar zu Aktionen, die wie etwa Boykotte feindlich gegen Israel gerichtet seien. Sie will - hier wie dort - gemeinsame oder ähnliche Bestrebungen zwischen "deutschen Mainstream-Parteien" und der äußersten Rechten und auch Linken beobachtet haben.

Hauptzielscheiben des Beitrags sind die Grünen und ihr Frankfurter Bundestagsabgeordneter Omid Nouripour, der in der Palästinenserfrage immer wieder Kritik am israelischen Vorgehen übt. Bei dieser Unterstellung einer Nähe zum Ungeist der NPD bleibt ein lokalpolitisches Faktum unerwähnt: Anders als CDU, SPD und FDP waren die Grünen an der Wahl des Neonazis in der Wetterau nicht beteiligt.